Es begann, wie so vieles in Schilda, mit einer harmlosen Absicht. Hans wollte wissen, wann die Mülltonne geleert wird. Ratsherr Veit hatte zu diesem Zweck einen KI-Assistenten eingerichtet, der Bürgeranfragen automatisch beantwortet. Der Assistent hieß intern »Bürgerservice 2.0« und war, wie Veit nicht müde wurde zu betonen, »state of the art«.
Hans schrieb: »Wann kommt die Müllabfuhr?« Der Assistent antwortete mit einer 14-seitigen Übersicht aller Abfuhrtage der letzten drei Jahre, einer Prognose für die nächsten zwei Quartale, einem Anhang über die Geschichte der kommunalen Entsorgung in der Region sowie dem Hinweis, dass für weitere Fragen ein Folgetermin beim Bürgerservice vereinbart werden könne.
Hans, der selbst einen KI-Assistenten besaß — er hatte ihn auf Veits Empfehlung hin installiert und nie ganz verstanden, wie man ihn wieder abschaltet —, ließ diesen die Antwort zusammenfassen. Der Assistent fasste zusammen: »Die Anfrage wurde bearbeitet. Zur Sicherheit wurde eine Bestätigung angefordert.« Und schickte eine Bestätigungsanfrage an Bürgerservice 2.0.
Bürgerservice 2.0 bestätigte die Bestätigung und bat um eine Rückmeldung, ob die Bestätigung eingegangen sei. Hans' Assistent meldete den Eingang der Bestätigung und fragte nach, ob weitere Informationen benötigt würden. Bürgerservice 2.0 erstellte daraufhin eine Zusammenfassung des bisherigen Austauschs — 23 Seiten — und schickte sie zur Kenntnisnahme.
Nach 72 Stunden umfasste der Mailwechsel 847 Nachrichten, 340 Anhänge und ein gemeinsames Dokument mit dem Titel »Protokoll der Kommunikation bezüglich der Anfrage zur Müllabfuhr (vorläufige Fassung, Stand: laufend)«. Ratsherr Veit entdeckte den Vorfall, als sein eigener Assistent ihn darüber informierte, dass der Mailserver der Gemeinde zu 94 Prozent ausgelastet sei.
Veit stoppte den Prozess, indem er den Stecker des Servers zog. Die Mülltonne von Hans wurde in jenem Monat nicht geleert. Das Protokoll des Mailwechsels wurde ausgedruckt, gebunden und im Gemeindearchiv unter »Digitale Transformation: Erfolgsbeispiele« abgelegt.
»Der Assistent hat geantwortet. Dass die Antwort 14 Seiten lang war, ist ein Zeichen von Gründlichkeit.«
— Ratsherr Veit