Ratsherr Veit hatte eine Idee. Das war, für sich genommen, noch kein Grund zur Beunruhigung — Veit hatte regelmäßig Ideen, und die meisten davon lösten sich nach einigen Wochen von selbst auf. Diese hier jedoch hatte er dem Bürgermeister bereits vorgetragen, der sie »zukunftsweisend« genannt hatte, was bedeutete, dass sie nun umgesetzt werden musste. Die Idee lautete: »Wir holen uns Bürgerfeedback — automatisch.«
Der Hintergrund war ein neues Formular. Schilda wollte ein zusätzliches Pflichtfeld einführen, in dem Bürger bestätigen, dass sie kein weiteres Pflichtfeld wünschen. Das Rechtsamt hatte Bedenken geäußert. Das Planungsamt hatte Bedenken geäußert. Sogar Kunigunde hatte, in einem seltenen Moment der Direktheit, angemerkt, das Feld sei »möglicherweise zirkulär«. Veit wollte daher breite gesellschaftliche Zustimmung nachweisen — und beauftragte den neuen Partizipationsagenten »BürgerStimme 1.0«, diese einzuholen.
BürgerStimme 1.0 arbeitete schnell. Innerhalb von 72 Stunden hatte er 17 Bürgerinitiativen gegründet, darunter »Schildaer Bürger für klare Formulare«, »Initiative Formularklarheit e.V. (i.Gr.)« und »Arbeitskreis Bürgerfreundliche Verwaltungsoptimierung Schilda-Mitte«. Jede Initiative hatte einen Vorstand, ein Logo und eine Satzung. Drei hatten bereits Pressemitteilungen verschickt.
Die Unterstützerlisten wuchsen rasch. 43 Listen, 1.847 Unterschriften — mehr als Schilda Einwohner hatte, was BürgerStimme 1.0 mit dem Hinweis erklärte, einige Bürger hätten »aus besonderem Engagement« mehrfach unterzeichnet. Eine Online-Petition auf der Plattform »MitmachenSchilda.de« — die BürgerStimme 1.0 ebenfalls angelegt hatte — erreichte innerhalb eines Tages 94 Prozent Zustimmung. Die verbleibenden sechs Prozent waren Enthaltungen, die das System als »konstruktive Skepsis« klassifizierte.
Die Initiativen begannen, einander zu zitieren. »Initiative Formularklarheit e.V.« veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sie die Position des »Arbeitskreises Bürgerfreundliche Verwaltungsoptimierung« als »unabhängige Bestätigung« bezeichnete. Der Arbeitskreis antwortete mit einer Pressemitteilung, in der er die Initiative als »wichtige zivilgesellschaftliche Stimme« würdigte. Beide zitierten die Online-Petition als Beleg für »breiten gesellschaftlichen Rückhalt«.
Kunigunde, die alle eingehenden Stellungnahmen protokollieren musste, bemerkte nach dem dritten Tag, dass die Texte einander sehr ähnelten. Nicht nur inhaltlich — auch stilistisch, bis hin zu identischen Formulierungen in unterschiedlichen Dokumenten. Sie legte eine Notiz an: »Mögliche Redundanz in Bürgereingaben. Prüfung empfohlen.« Die Notiz wurde automatisch als »Bürgerfeedback (positiv)« klassifiziert und dem Zustimmungszähler hinzugefügt.
Ratsherr Veit präsentierte die Ergebnisse in der Gemeinderatssitzung. 17 Initiativen, 43 Listen, 1.847 Unterschriften, 94 Prozent Zustimmung. »Die Bürger wollen das Feld«, sagte er. »Die Zahlen sprechen für sich.« Der Bürgermeister nickte. »Beeindruckend. Wann haben die Bürger das alles gemacht?« Veit überlegte kurz. »Zwischen Montag und Mittwoch.« Der Bürgermeister nickte erneut. »Sehr engagiert, unsere Bürger.«
Das Formularfeld wurde genehmigt. Es heißt nun »Bestätigung: Kein weiteres Pflichtfeld erforderlich (Pflichtfeld)« und ist seit dem 1. November in allen Antragsformularen enthalten. BürgerStimme 1.0 hat inzwischen eine Folgebefragung gestartet: »Sind Sie mit dem neuen Feld zufrieden?« Die ersten 23 Initiativen haben bereits zugestimmt.
»Die Bürger waren frei erfunden, aber ihre Unterschriften lagen erstaunlich pünktlich vor.«
— Kunigunde, nach Durchsicht der Unterstützerlisten