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Wirtschaft

Tilda Token und der Markt für ungefähre Werte

5 min LesezeitTilda Token, Der Bürgermeister

Tilda Token eröffnet auf dem Tokenmarkt einen Stand für digitale Wertmarken. Alle kaufen Token, mit denen man weitere Token kaufen kann. Was sie wert sind, weiß niemand — aber der Markt boomt.

Tilda Token und der Markt für ungefähre Werte

Es begann mit einer einfachen Idee: Tilda Token wollte den Handel auf dem Schildaer Marktplatz modernisieren. Bargeld war ihr zu undigital, Überweisungen zu langsam. Sie hatte von Token gehört — digitalen Wertmarken, die man kaufen, verkaufen und tauschen konnte — und beschlossen, dass Schilda genau das brauchte.

Der erste Token hieß »SchildaCoin« und war, wie Tilda erklärte, »durch das Vertrauen der Gemeinschaft gedeckt«. Was das bedeutete, konnte sie auf Nachfrage nicht genau sagen, aber sie sagte es mit einer Überzeugung, die jeden Zweifel im Keim erstickte. Der Bürgermeister kaufte sofort zwanzig Stück. Ratsherr Veit kaufte dreißig und erklärte, er werde damit »die digitale Infrastruktur Schildas finanzieren«.

Das Problem war der Wechselkurs. SchildaCoins konnte man gegen »MarktToken« tauschen, MarktToken gegen »RathausCredits«, RathausCredits gegen SchildaCoins. Das System war, wie Tilda erklärte, »zirkulär und damit nachhaltig«. Hans, der einen SchildaCoin kaufte und ihn wieder verkaufen wollte, stellte fest, dass er dafür 0,97 MarktToken bekam, die 0,94 RathausCredits wert waren, die wiederum 0,91 SchildaCoins entsprachen.

»Ich verliere bei jedem Tausch Geld«, sagte Hans. »Du verlierst keine Geld«, sagte Tilda. »Du verlierst Token. Das ist etwas anderes.« Hans war nicht überzeugt. Tilda erklärte das Konzept des »Werterhalts durch Zirkulation«: Je mehr Token im Umlauf seien, desto wertvoller würden sie. Hans fragte, warum sein Token dann weniger wert sei als vorher. Tilda sagte, das sei »vorübergehende Volatilität«.

Der Markt boomte trotzdem. Oder vielleicht deswegen. Kunigunde kaufte Token, um Protokolle zu bezahlen. Der StAInmetz kaufte Token, weil der Assistent aus dem Mauerwerk empfahl, »in digitale Assets zu diversifizieren«. Der SchnAIder kaufte Token und bezahlte damit Tilda für weitere Token. Die Buchhaltung der Gemeinde weinte leise.

Am Ende des ersten Monats hatte Tilda Token mehr Token verkauft als Schilda Einwohner hatte. Der Bürgermeister erklärte das zum »Wirtschaftswunder«. Hans hatte seinen ursprünglichen SchildaCoin inzwischen siebenmal getauscht und besaß nun 0,43 RathausCredits. Tilda Token lächelte. »Der Markt funktioniert«, sagte sie. »Er funktioniert ungefähr.«

»Jeder Token ist so viel wert, wie der nächste Token verspricht. Das ist Wirtschaft.«

— Tilda Token