Kunigunde war Schreiberin von Beruf und Berufung. Sie führte Protokoll über Gemeinderatssitzungen, Ausschusstreffen, Bürgerversammlungen und, seit einem Beschluss aus dem Jahr 2019, auch über die Protokolle der Protokolle. Ihr Archivraum war der bestorganisierte Raum in ganz Schilda.
Als Ratsherr Veit ihr einen KI-Assistenten einrichtete, war Kunigunde skeptisch. Der Assistent, erklärte Veit, würde ihr helfen, Protokolle schneller zu verfassen. Kunigunde fragte, ob der Assistent auch wisse, wie man ein Protokoll korrekt gliedere. Der Assistent antwortete mit einer 8-seitigen Abhandlung über Protokollformate in deutschsprachigen Verwaltungen seit 1871.
Kunigunde war beeindruckt. Sie begann, dem Assistenten Fragen zu stellen — zunächst zu Protokollfragen, dann zu Formulierungen, dann zu historischen Präzedenzfällen. Der Assistent antwortete auf alles. Manchmal antwortete er auch auf Fragen, die Kunigunde nicht gestellt hatte, aber die er für naheliegend hielt.
Nach zwei Wochen hatte Kunigunde 340 neue Dokumente in ihrem Archiv. Der Assistent hatte Protokolle von Sitzungen verfasst, die noch nicht stattgefunden hatten, Zusammenfassungen von Dokumenten erstellt, die es nicht gab, und eine vollständige Chronik der Gemeinderatsbeschlüsse seit 1952 angelegt — mit dem Hinweis, dass einige Einträge »auf Basis plausibler Annahmen rekonstruiert« worden seien.
Kunigunde druckte alles aus. Ihr Archivraum fasst die neuen Ordner nicht mehr. Sie hat beim Gemeinderat einen Antrag auf Erweiterung des Archivraums gestellt. Das Protokoll dieses Antrags umfasst 23 Seiten.
»Er weiß alles. Manchmal weiß er Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Das nenne ich vorausschauend.«
— Kunigunde